Oops, hätt ich den Thread doch fast übersehen in der Vielzahl an Themen hier

. Ok. Ich denke wir sind uns darüber einig, da Kunst bekanntlich immer im Auge des Betrachters liegt, es im Grunde auch keine falschen Interpretationen kann, jedenfalls solange nicht, wie nicht jemand wirklich völlig daneben interpretiert. Jede Betrachtung hat ihre absolute Berechtigung, und ich für meinen Teil habe kein besonderes Interesse daran, dass wir uns alle am Ende auf
die eine Interpretation festlegen, sei es die meine oder eine andere.
Eine der großen Fragen, die aufkamen ist nun, von welchem Ende Tilo da rede. Ein- oder das "große Ende" einer ganzen Menschheit oder vom Ende eines einzelnen, einem Individuum innerhalb dieser Gesellschaft, vielleicht gar vom eigenen Ende? und wenn ja, in welcher Hinsicht?
Ich persönlich tendiere eher zu ersterer Interpretation, aus guten Gründen. Es kommt relativ häufig vor, dass Lacrimosa in den Jahren ein- und die selben Themen für ihr künstlerisches favourisierten, nur eben immer aus einem anderem Blickwinkel betrachtet, auch unter Berücksichtigung der eigenen geistigen, seelischen und emotionalen Reifeprozessen der Menschwerdung. Es wäre nun nicht das erste mal, dass ich Tilo Wolff von sogenannten Postapocalyptischen Visionen singen höre. Man erinnere sich nur an ´Am Ende stehen wir zwei´ wo es z.B heißt:
Und wenn der letzte Mensch vergeht - Und wenn die Sonne sich zerbricht - Bleibt dir der Liebe Licht.... und man höre sich auch genau die Angst und die Einsamkeit an, wo teilweise sehr deutlich postapocalyptisches Gedankengut herauszuhören ist, da es ganz unverblümt ausgesprochen wird....
Und es ist auch kein großes Geheimnis, dass Lacrimosa seine Zuhörerschaft gerne mal in sogenannter
Endzeitstimmung wiegt, warum die Musik ja vielen auch zu "depri" ist. Die Option, Tilo Wolff würde in diesem Song sein eigenes Ende besingen scheidet für mich im Prinziep schon klar aus, schon weil er ganz klar mit jemandem redet und ich nicht der Ansicht bin, Tilo Wolff führe in seinen Lyriks gerne mal Selbstgespräche in schizoider Form. Bei ´Diener eines Geistes´ habe ich das vor langer Zeit einmal angenommen, sehe das heut aber auch völlig anders. Die Option, Tilo besingt hier das Ende eines ihm vielleicht nahestehenden Individuums, das würde ja unterstellen, Tilo Wolff möchte hier jemandem seinem persönlichen Ende entgegenführen, diese Person also entweder zerstören, oder akkute Sterbehilfe betreiben. Auch wenn ich heute der Ansicht bin, ein klar definiertes Ziel von Lacrimosa seit wenigstens Inferno war es, das Leben eines Menschen zu zerstören und ihm seinem Ende entgegenzuführen, spricht für mich zu viel dagegen, dass der Song `Dem Ende entgegen´ auf das Leben eines einzelnen Menschen abzielt, allein die Vorstellung :lol:.
Eine Option, die für mich noch relativ denkbar wäre, nach sorgfältigem Abwägen der Zeilen allerdings auch relativ unlogisch, Tilo Wolff möchte hier den Zuschauer auf das Ende von Lacrimosa einstimmen. Wer allerdings einmal genauer drüber nachdenkt, wird auch diese Option ziehmlich schnell wieder verwerfen, aus verdammt guten Gründen. ....
Ich sehe und interpretiere den Text wirklich eher postapocalyptisch, da es mir einfach die plausibelste aller Erklärungen zu sein scheint und auch in keinster Weise im Widerspruch zu den traditionellen Thematas von Lacrimosa steht. Was in der Vergangenheit jedoch nur ganz nebenbei und nur "ganz am Rande" hie- und da einmal zum Tragen kam, wird hier ganz unverblümt ausgesprochen. Und wer möchte an dieser Stelle schon bestreiten, dass sich die Menschheit auf einem Titanickurs befindet, und ihre Capitäne trotz aller Warnungen nicht willens und bereit sind, diesen Kurs zu ändern.
Weder Tilo Wolff noch ich haben wohl ein Interesse daran die "große Angst" zu schüren, denn die Menschen, die sich in aller Öffentlichkeit hinstellen und verbreiten können: "Bereitet euch vor, denn das Ende ist Nahe!" Zehren und ernähren partiell sich nur von der Angst anderer. Die biblisch prophezeihte Apocalypse z.B ist ein sehr sensibles Thema, und bedarf einer sehr sensiblen Erkenntnis die nicht laut und breit in die Welt getragen werden kann und darf! An dieser Stelle wäre meine Kritik an Lacrimosa, insbesondere an Tilo Wolff, dass er da doch nicht so
reingeprescht kommen kann

. Die relative Brisanz der Thematik vermag jedoch vielleicht auch zu erklären, warum den Text ursprünglich wohl nur wenige, oder am Besten überhaupt niemand rein akkustisch je verstehen sollte? Es sind auch einfach zu viele Scharlatane unterwegs, deren wahrer Bezug zum Glauben, zur Kirche oder zu Gott für meinen Geschmack doch sehr fragwürdig sind.